Eine Arbeit für Großmütter


Häufig hört man von alten Damen die Klage, daß sie nicht mehr imstande seien, feinere Handarbeiten anzufertigen. Selbst beim Strickzeug versagen die müden Augen den Dienst, wenn's an das Zählen geht, gar bei den beliebten schwarzen Strümpfen, wie sie die Enkelkinder fast ausschließlich tragen. Das Lesen will ebenfalls nicht mehr so recht gehen, und die Zeit wird der lieben Großmutter mitunter recht lang.

Ich möchte hier auf eine Arbeit aufmerksam machen, die auch bei schwachen Augen noch gut geleistet werden kann und die zugleich einer zweiten Kalamität abhilft, dem Ansammeln von Lappen, die zum Verbrennen noch zu schade sind. Seit Jahren werden in unserem Haushalt alle Stoffreste, mit denen sonst nichts anzufangen ist, zu Läufern verarbeitet. Die Lappen, große und kleine, schwarze, weiße, farbige, werden in fingerbreite Streifen geschnitten, sehr dünne Stoffe, Kattun z. B. etwas breiter, dicke, wie Tuch u. dgl., schmäler. Man kann jeden Stoff benutzen; auch kommt's auf die Form der Lappen nicht an, nur bei sehr dünnen nehme man sie nicht schräg.

Hat man einen tüchtigen Vorrat zusammen, so menge man die geschnittenen Streifen gut durcheinander damit die Farben ordentlich gemischt werden. Alsdann näht man mit ziemlich kräftigem Zwirn (Maschinenzwirn schwarz od. weiß, Nr. 30) mit 2-3 festen Stichen die einzelnen Streifen an den Enden übereinander und wickelt sie auf große Knäule. Hat man eine Anzahl solcher Knäule zusammen, so übergibt man sie einem Weber, der sie mit nicht zu starkem Bindfaden zu Läuferstoff verwebt. Länge und Breite muß man angeben. Die Kosten sind sehr gering im Vergleich zu der unübertroffenen Haltbarkeit der Läufer, die sich auf Korridors und Treppen als Bettvorlagen und zum Schonen der Fußböden ausgezeichnet verwenden lassen. Sind sie auch nicht sehr elegant, so ist ihr Aussehen doch recht hübsch und an Haltbarkeit übertreffen diese Läufer fast jeden gekauften bei weitem.

Vielleicht versucht manche liebe Großmutter die vorgeschlagene Arbeit, die eines gewissen Reizes nicht entbehrt. Beim Anblick so manchen Stoffrestes steigt ein liebes Bild aus der Vergangenheit auf. In dem Kleid hat die Aelteste die ersten Ballfreuden genossen, jener Lappen stammt von einem Kittel des einzigen Sohnes, und ein Stück vom ersten Sofabezug im eigenen Haushalt zaubert die selige Zeit jungen Glückes herbet. Und gern wird Großmutter den zuschauenden Enkelkindern allerlei erzählen von den einzelnen Lappen und ihrer Geschichte.






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