Höflichkeit
Mit der besten Absicht von der Welt sagt man sich nur zu oft die unangenehmsten Dinge. Wie unzählige Menschen, - unser Geschlecht ist besonders stark darin - glauben teilnahmvoll zu sein, wenn sie Ihren Freunden das bekannte "Nein, wie Sie schlecht aussehen!" mit bedauerndem Kopfschütteln entgegenrufen. Glaubt Ihr denn, der andere wisse nicht, daß er "schlecht" aussieht? Ihm ist sicher nicht wohl zu Mute, und er braucht nicht erst an seinen Zustand erinnert werden!
Man denkt nicht daran, daß "schlecht" und "häßlich" aussehen gleich bedeutend ist. Wer möchte aber seinem Freunde ins Gesicht sagen, - er sei häßlich?
Nicht erfreulicher ist es zu hören, wie stark oder mager man geworden, wie blaß oder wie rot man aussehe. Kann etwa der Erkältete durch Redensarten seinen Schnupfen oder Husten loswerden? Kann auch nur ein einziges Fleckchen im Gesicht verschwinden, wenn eine Schwester der andern, oder gar ferner Stehende versichern, man habe ein Bütchen! Wir sollten uns nie etwas Unangenehmes sagen. Das englische "personal remarks are rude", persönliche Bemerkungen sind unhöflich, sollte uns wenigstens in dieser Hinsicht bei unsern Unterhaltungen leiten. Der Verkehr der Familienglieder oder der Bekannten wird dann der möglich angenehmste.
