Vandalisches aus Hotel und Restaurant
In der Hamburger Fachzeitschrift "Küche und Keller" bringt ein Mitarbeiter folgende berechtigte Beschwerden vor: Ein bekanntes Hamburger Wein-Restaurant hat in seinen Toilettenräumlichkeiten täglich ganze Stöße von kleinen Handtüchern liegen, so daß jeder Gast ein frisches Handtuch benutzen und es dann in einen bereitstehenden großen Korb werfen kann. In eben diesem Waschraum machte ich vor kurzem eine eigenartige Beobachtung, herein trat ein recht elegant und distinguiert aussehender Herr, in seinem ganzen Wesen der Typus des ruhigen Kaufmannes, der durch Ordnung und Sparsamkeit sein Schäfchen ins Trockene gebracht hat. Der Herr wusch sich die Hände und begann dann mit der Abtrocknungsprozedur. Das erste Handtuch verschwand, nachdem der Herr mit ihm flüchtig die Hände gestreift, indem erwähnten Korb. Ein zweites Handtuch folgte dem ersten, ein drittes dem zweiten. So wurden fünf Handtücher benutzt, dann waren die Hände trocken. Nun kam das Gesicht an die Reihe. Mit der in das Wasser getauchten Ecke eines Tuches wurde der Staub aus dem Gesicht entfernt, ein zweites Handtuch half zu demselben Zweck nach, ein drittes diente zum Trocknen des Gesichtes. Macht acht Handtücher. Nummer neun diente zum Blankmachen des linken, Nummer zehn des rechten Stiefels. Dann allerdings hatte das grausame Spiel ein Ende.
Ich war über die Rücksichtslosigkeit dieses Herrn empört und begab mich an meinen Tisch. Neben mir saß ein junger Mensch, der sich Tinte und Feder geben ließ, um eine von den gratis zur Verfügung stehenden Ansichtskarten zu beschreiben. Die Stilisierung des Kartengrußes schien ihm nicht recht zu glücken, er warf wenigstens ein halbes Dutzend Karten weg, bevor er zufriedengestellt war. Auch schien die Tinte etwas dickflüssig zu sein, denn er wischte die Feder zu wiederholten Malen am Tischtuch ab. An dem Nachbartische saß in größerer Gesellschaft eine junge Dame, die während eines lebhaften Gesprächs in ihrer Zerstreutheit mit dem Obstmesser lustig kleine Schnitte in das Tischtuch machte.
Und damit wäre ich bei dem Thema über den Vandalismus im Gasthaus und Hotel angelangt. Jeder Gastwirt kann davon erzählen, jeder Hotelbesitzer darüber jammern. In den vornehmsten Restaurants, in den ersten Hotels, in kleinen Wirtschaften und einfachen Gasthöfen, es ist überall dieselbe Geschichte. Der Gast geht auf das rücksichtsloseste mit dem fremden Eigentum um, er verleugnet seine gute Erziehung, er verschwendet, beschmutzt, vernichtet alles, was ihm unter die Hände kommt - insofern es nicht ihm selbst gehört. Dieselben Leute, die bei sich zu Hause ungehalten sind, wenn ein guter Freund mit nicht ganz saubern Stiefeln auf ihren Teppich tritt, schleppen ganze Ströme von Straßenschmutz, Regenwasser und Schnee in das Hotelzimmer, wo die Teppiche mitunter viel kostbarer sind, als in der eigenen Wohnung. Gebildete Menschen, die überall die strengste Stilette bewahrt wissen wollen, scheuen sich nicht, den triefenden Regenschirm in eine Zimmerecke zu stellen, wieder vorausgesetzt, daß sie am selber oder am nächsten Tage Weiterreisen wollen, denn sonst würden sie im eigenen Interesse das Zimmer nicht verunreinigen. Mit den Stores und Vorhängen wird so grausam umgegangen, daß fortwährende Reparaturen unerläßlich sind, das elektrische Licht wird stundenlang, selbst während der Abwesenheit, brennen gelassen.
Das ist noch nicht alles. Ein Hotelbesitzer in Frankfurt a. M. versicherte mir, daß sich bei ansehnlichen Leuten, die sonst in durchaus honoriger Weise durchs Leben gehen, im Hotel eine förmliche Kleptomanie entwickelt. Aschenbecher, Steichholzbehälter, Schreibmappen, ja selbst Handtücher werden von manchen Reisenden förmlich als Gemeingut betrachtet. Die Behauptung des betreffenden Hoteliers, das sich in dieser Beziehung reisende Damen besonders unangenehm bemerkbar machen, möchte ich registrieren, ohne sie zu bestätigen.
Förmliche Schlachten werden in den Schreibzimmern der Hotels geliefert. Mit dem Briefpapier wird umgegangen, als wäre es Zeitungsmakulatur. Ein falsches Wort - weg mit dem Bogen, es sind ja genug neue da! Die Schreibfedern werden mit unbeschriebenem Papier ausgewischt, die Tinte wird auf den Fußboden gespritzt und schließlich der Federhalter auf das grüne Tuch des Schreibtisches gelegt.
Der Restaurateur und der Hotelier sind machtlos gegen derartige Rücksichtslosigkeiten. Weist er einen Gast zurecht, so entstehen unliebsame Kontroversen und er verliert nicht nur den betreffenden Gast, sondern auch dessen Freunde und Bekannte. Er ist gezwungen, die Verschleuderung des Materials und die unverhältnismäßige Abnützung des Mobiliars durch einen Aufschlag auf die Zimmerpreise und Speisen wieder gut zu machen. Der anständige, wohlerzogene Gast, dem fremdes Eigentum ebenso heilig ist, wie das eigene, wird also durch den Vandalen geschädigt.
