Verse fürs Poesiealbum - 6. Teil


Diesmal gibt es nicht nur kurze Sprüche, sondern auch einige kleinere Gedichte, die man ganz besonders gut beim Basteln von Karten verwenden kann.

September

Gemäht sind die Felder , der Stoppelwind weht,
hoch droben in Lüften mein Drache schon steht,
die Rippen von Holz, der Leib aus Papier,
zwei Ohren, ein Schwänzlein sind all seine Zier.
Und ich denk: So drauf liegen im sonnigen Strahl -
ach, wer das doch könnte, nur ein einziges Mal!

Da guck ich dem Storch in das Sommernest dort:
Guten Morgen, Frau Storchen, geht die Reise bald fort?
Ich blick in die Häuser zum Schornstein hinein:
Papachen, Mamachen, wie seid ihr so klein!
Tief unter mir seh ich Fluss, Hügel und Tal -
ach, wer das doch könnte, nur ein einziges Mal!

Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,
da fass ich die Wolken, die segelnden, an;
ich lass mich besuchen von Schwalben und Kräh'n
und kann selbst die Lerchen, die singenden, sehn,
die Englein belausch'  ich im himmlischen Saal -
ach wer das doch könnte, nur ein einziges Mal!
Victor Blüthgen

***

Das Glück

Was ist das Glück? -
Nach jahrelangem Ringen,
Nach schwerem Lauf ein kümmerlich Gelingen,
Auf greise Locken ein vergoldend Licht,
Ein spätes Ruhen mit gelähmten Schwingen -?
Das ist es nicht.

Das ist das Glück:
Kein Werben, kein Verdienen!
Im tiefsten Traum, da ist es dir erschienen,
Und morgens, wenn du glühend aufgewacht,
Da steht's an deinem Bett mit Göttermienen
Und lacht und lacht!
Bernhard Endrulat

***

Hüt dich vor Wünschen...

Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind!
Die guten flattern fort im Wind
Und keiner ist, der taubenfromm
Zurück mit grünem Ölblatt komm!

Die schlimmen hascht der Teufel ein
Und stutzt nach seinem Sinn sie fein,
Erfüllt sie dir zu Leid und Last,
Wenn du sie längst bereuet hast.
Bernhard Endrulat

***

Trost

Es gibt ein stilles Friedensreich,
Wohin kein Seufzer dringt,
Das unsre Seele sanft und weich,
Wie Muttergruß umklingt.

Und wenn es noch so dunkel ist,
Von dort blinkt Dir ein Stern,
Und wenn du noch so traurig bist,
Dort weilst Du froh und gern,

Als fändest Du auf lichten Höh'n,
Beglückt und schmerzbefreit:
Dies Reich, so lieb, so fromm und schön,
Es ist die Kinderzeit.
Ebeling

***

Feiger Gedanken bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen, ängstliches Klagen
Wendet kein Elend, macht Dich nicht frei.

Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme der Götter herbei.

***

Baue nach Lust Dein Feld,
Nach Deinem Bedarf Dein Haus,
Und sieh auf die tolle Welt
Behaglich zum Fenster hinaus!
Rückert

***

Musst Hammer oder Ambos sein!
Dies Dichterwort mag weise klingen;
Doch die Erfahrung schüttelt: Nein,
Ein Schmied lern' sein vor allen Dingen!
Richard Schmidt-Cabanis

***

Wär' noch so viel Dir auch beschwert
Vom Wissen, gern will ich Dir's gönnen;
Wohl hat das Wissen hohen Wert,
Doch Deinen Wert gibt Dir dein Können.
Emil Rittershaus

***

Der Dornen viel und wenig Blüten
hat mir gebracht des Lebens Mai,
und ohne Blitz und Sturmeswüten
zog auch mein Sommer nicht vorbei.
Nicht immer reiften mir die Trauben,
draus süßen Labetrank man presst,
doch meiner Seele Sonnenglauben
trotz alledem - ich hielt ihn fest.
Emil Rittershaus

***

Bewahre stets des Herzens stillen Frieden
Dir immerdar als köstlichen Gewinn.
Und was der gute Gott Dir auch beschieden,
Ertrage es mit gläubig frohem Sinn.





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