Warten und warten lassen
Warten! Wer hat sie nicht ausgekostet, die Qual des Wartens. Wer weiß sie nicht zu ermessen, die zitternde Angst, die heftige Ungeduld oder die stumpfe dumpfe Ergebung des Wartens. Freilich, im Grunde genommen ist ja unser ganzes Leben ein einziges Warten. Wir warten als Kinder ungeduldig, töricht, als junge Menschen hoffnungsfreudig, in der Kraft unserer Jahre ruhig. Das Kind wartet auf die kleinen Freuden seines Daseins, auf einen Apfel, ein Stück Kuchen, das neue Kleidchen, den Geburtstag und vor allem aufs Christkind, Jüngling und Jungfrau auf ein unerhörtes berauschendes Glück, auf Liebesseligkeit und Daseinswonne, Mann und Frau auf Erfüllung ihrer Lebenshoffnungen, bis zuletzt der Greis auf den Tod wartet.
Aber wir warten nicht nur auf die großen Dinge im Leben, auf frohe und traurige, wir warten auch alltäglich und stündlich auf die kleinen. Und dies Warten auf die kleinen Dinge macht uns nervös, ärgert und verbittert uns, zerstört uns viele gute Stunden, bringt manchen Schatten in Haus und Ehe, trennt alte Freundschaften und schafft neue Feinde . . das Warten und - das Wartenlassen.
Die wenigsten Menschen können in kleinen Dingen ruhig warten. Besonders die Männer nicht, und von den Männern am allerwenigsten - die Unpünktlichen. Ein Mann, der ruhig und ohne sich die Laune verderben zu lassen, wartet, bis seine bessere Hälfte vor einem Ausgange noch schnell ihren Schirm, ihre Handschuhe geholt, den Schleier gebunden, den letzten und allerletzten Blick in den Spiegel getan und dem Mädchen ein Dutzend Anweisungen gegeben hat, - der ist ein weißer Rabe. Ein Mann, der nicht in Verzweiflung gerät, wenn er fertig zu einer Gesellschaft angekleidet in Frack, Claque und Lack dasteht und seit einer halben Stunde auf sein Frauchen wartet, das noch immer und immer nicht mit ihrer Toilette fertig ist, - der ist ein Heiliger. Und ein Mann, der ruhig und gelassen wartet, wenn das Mittagessen niemals zu rechter Zeit auf dem Tische steht, und der Kaffee immer erst in dem Augenblick auf der Bildfläche erscheint, wenn er schon den Türgriff zum Fortgehen in der Hand hält, - ja, ein solcher Mann ist überhaupt noch nicht geboren.
Andererseits ist das Warten auf den Hausherrn geradezu nerventötend. Wenn er heute um eins, morgen um halb zwei und übermorgen um zwölf zu Tische kommt, wenn er abends trotz der heiligsten Versprechen sich stets eine Stunde oder auch zwei verspätet, niemals zur Zeit da ist, wenn man Gesellschaft erwartet oder ausgehen will, dann gerät schließlich auch die geduldigste Frau in helle Verzweiflung. Und diese Unpünktlichkeit färbt dann sozusagen auf die ganze Häuslichkeit ab. Kinder und Dienstmädchen werden unpünklich. Das Dienstmädchen nimmt sich zu allem Zeit, sie weiß ja, daß sie doch stets noch zu früh fertig ist und am Abend dennoch keine wirkliche Ruhezeit hat, weil das Abendbrot sich stundenlang hinauszögert. Die Kinder trödeln auf dem Schulwege, denn Papa ist ja doch noch nicht zu Hause, die Hausfrau selbst vermag keine rechte Einteilung zu machen, kann niemals mit Sicherheit über ihre Zeit verfügen, ist stets an die Launen ihres unpünktlichen Gatten gebunden. Die Mahlzeiten verlaufen ungemütlich, weil das Essen entweder verprutzelt oder nicht ganz gar ist, und die allgemeine Laune ist höchst unbehaglich.
Für die Hausfrau gibt es da nur ein Allheilmittel - die eigene Pünktlichkeit. Niemals darf der Gatte mit Fug und Recht sagen dürfen: "Du hast mich auch warten lassen." Ganz besonders den Eigenarten, den kleinen Schwächen ihres Mannes in Bezug auf Pünktlichkeit muß sie Rechnung tragen. Braucht der Gatte niemals zu warten, auf Mittagbrot, auf frische Wäsche, auf den Beginn des Spazierganges, auf alles, was er beanspruchen und erwarten kann, dann darf auch die Frau mit Fug und Recht vom Mann Pünktlichkeit beanspruchen. Und nach und nach wird dann auch der Herr und Gebieter pünktlicher werden. Das Gewissen wird ihm schlagen, wenn er im Freundeskreise die Stunde versäumt, er wird vielleicht auch seine Berufsarbeiten beschleunigen können und wollen, um pünktlicher in der Familie zu erscheinen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Der Wille muß eben geweckt und angespornt werden. Und das kann jede kluge und gute Frau bei ihrem Mann erreichen. Freilich nicht von heute auf morgen. Aber ganz langsam wird der Mann einsehen, daß Pünktlichkeit der bessere Teil ist. Und ist er nur erst einmal in einem Stück pünktlich, dann wird er's auch bald in andern. Merkt er erst, daß das Mittagsbrot ganz anders schmeckt, wenn es zur rechten Zeit aufgetragen und verspeist wird, merkt er, daß die Gattin ihn heiter empfängt, wenn er pünktlich am Abend nach Haufe kommt, dann lernt er sich nach und nach "einrichten". Und dies "Einrichten" ist ja schließlich die Grundlage zu allem Familienglück. Einrichten müssen sich ja von Anfang an die Ehegatten miteinander, einrichten muß man die Ausgaben und Einnahmen, einrichten muß man sich auch mit seiner Zeit - der Pünktlichkeit.
In einer wohleingerichteten Häuslichkeit darf es zwei Dinge gar nicht geben - warten und warten lassen!
